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Max, der Karpfen

Ich muss ein bisschen ausholen und bei meiner frühesten Kindheit beginnen. Während meiner ersten vier Lebensjahre lebten wir am Bodensee in einem Haus mit Seeanstoss. Es war ein altes Mehrfamilienhaus, und im Keller gab es einen Waschzuber, der für uns Kinder als Badewanne diente. Mein Vater war Sportfischer und besass mit einem Kollegen zusammen ein Ruderboot. Oft brachte er die gefangenen Fische lebend nach Hause, dann diente der Waschzuber in der Waschküche den Fischen als Badewanne anstatt uns Kindern. Ich war also von klein auf an Fische gewöhnt. Bald zogen wir um in eine Wohnung mit Badewanne. Nun hatte mein Vater einen grösseren Tummelplatz für seine frisch gefangenen Fische, und manchmal mussten zuerst die Fische aus der Wanne geholt werden, bevor wir das samstägliche Bad nehmen konnten. Bald erfuhr ich auch, was es damit für eine Bewandtnis hatte: Es gibt Fischarten, die sich gerne im Schlamm aufhalten wie beispielsweise Karpfen und Schleien, und deren Geschmack sich erheblich verbessert, wenn sie vor dem Verzehr einige Zeit in klarem Wasser gehalten werden. Allerdings wurden auch andere Fische zur Überbrückung bis zum Verzehr in der Badewanne gehalten. Meine Mutter war davon nicht sehr erbaut, aber für meinen Bruder und mich war es ganz normal und wir sahen den Fischen in der Badewanne gerne zu. Ich lernte früh, selber Fische zu fangen, korrekt zu töten und auszunehmen. Ich wusste, welchen Fisch man schuppen muss und welchem Fisch die Haut für den Verzehr abgezogen werden muss. Mein Vater war ein guter Lehrmeister, und mehr als einmal erlebte ich, wie wütend er werden konnte, wenn ein Fischerkollege einen Fisch auch nur für kurze Zeit im Trockenen liegen liess oder es nicht schaffte, ihn korrekt mit einem Schlag zu töten. Er frönte seiner Leidenschaft Zeit seines Lebens und als er mit über achtzig krank wurde und nicht mehr gehen und richtig sitzen konnte, machte er immer noch an „seinem“ Bergsee Urlaub. Er liess sich einfach vom Rollstuhl auf eine Bank hieven und festbinden, damit er beim Fischen nicht von der Bank fallen konnte.

Auf der Liegenschaft, die mein Mann und ich am Bodensee kauften, gab es einen etwa hundert Quadratmeter grossen Teich, der zum Zeitpunkt des Kaufs allerdings mehr einem Drecktümpel glich. Das Wasser war so dunkel, dass ich annahm, ausser drei Goldfischen gäbe es in diesem Teich kaum Fische. 
Bald einmal stellte ich fest, dass sich sehr oft Schmutzwolken zu bilden begannen, wenn ich am Teich vorbei ging; offensichtlich bewegte sich etwas im Wasser, das den Schmutz aufwirbelte. Diese Wolken bildeten sich immer nur auf der Seite, auf der ich mich gerade befand. War ich weiter weg, wurde das Wasser wieder ruhig. Bald war mir klar, dass es sich um einen Fisch handeln musste. Ich bat ihn, an die Oberfläche zu kommen und sich mir zu zeigen. Immer wieder spielte er dieses Spiel mit mir, er wirbelte Schmutz auf wenn ich vorbeiging, oft sehr nahe am Teichrand, zeigte sich aber nicht. Der Vorbesitzer des Hauses hatte Fischfutter hinterlassen, und ich begann, hin und wieder Futter in den Teich zu werfen. Ich begann dieses Spiel zu lieben, und der Fisch offensichtlich auch. Es musste ein grosser Fisch sein, und ich hatte den Eindruck, er müsse Max heissen.

Wir hatten bald viele Tiere auf der Liegenschaft: Schafe, Zwergziegen, Gänse, Enten, Hühner und natürlich Hunde und Katzen. Ich gewöhnte mir an, den Tieren keine Namen zu geben, sondern sie nach ihren Namen zu fragen. Manchmal dauerte es ein, zwei Tage, bis ich den Namen bekam oder „verstehen“ konnte. Oft war es wirklich erstaunlich, was dabei herauskam, wie beispielsweise bei dem Gänsepärchen, das sich Colina und Soluso nannte. Oder bei dem prachtvollen Hahn, der mir als Namen „Grossmogul“ nannte. Ich hatte nicht einmal gewusst, was ein Grossmogul ist und musste mich im Internet schlau machen. Oder die schneeweisse Pyrenäenberghündin, die wir aus Norddeutschland zu uns holten, weil sie dort vom Tierheim als nicht platzierbar abgelehnt worden war. Ich hatte schnell den Eindruck, dass sie auf den Namen, den ihnen die Vorbesitzer gegeben hatten, nicht gut reagierte und fragte sie nach ihrem richtigen Namen. Heraus kam „Bela“, und tatsächlich, ungarisch „bela“ heisst in deutsch „weiss“. Das habe ich allerdings auch erst beim googeln herausgefunden. Die Hündin reagierte vom ersten Moment an entschieden besser auf den von ihr gewählten Namen Bela als auf den Namen, den man ihr vorher gegeben hatte.

Der Karpfen hiess also Max, und fortan rief ich ihn bei seinem Namen. Er konnte sich irgendwo im Teich aufhalten und nicht reagieren, wenn ich am Teich vorbeiging; sobald ich ihn rief, begann er mit seinem Versteckspiel. Allmählich schien er Vertrauen gefasst zu haben, denn er begann sich mir hin und wieder kurz zu zeigen. Max war ein herrlicher, grosser Spiegelkarpfen.

Als mein Vater wieder einmal zu Besuch kam, wollte ich ihm voller Stolz mein Spiel mit Max vorführen. Aber was immer ich auch versuchte, nicht einmal die gewohnte Wolke aus Dreck wurde sichtbar. Max ignorierte uns vollkommen.
Einige Zeit später kam mein Bruder zu Besuch, der eine Zeitlang ebenfalls gefischt hatte, dieses Hobby nun aber nicht mehr ausübte. Ich versuchte wieder, Max zum Spielen zu bewegen. Nichts geschah, wie schon bei Vater. Nun hatte ich eine Idee und rief Max zu: „Du brauchst dir keine Gedanken zu machen, er fischt nicht mehr!“ Und schon begann das Spiel.

Leider verloren wir Max, als wir zum ersten Mal den Teich putzten. Wir pumpten einen Teil des Wassers aus und erkannten zu spät, dass dieser Teich erstens unerwartet viele Fische beherbergte und anderseits extrem viel mehr Sand und Dreck darin war als erwartet. Durch meine Erfahrungen als Kind kann ich Fische ganz gut ein den Händen halten. Ich holte sie teilweise mit einem Netz und teilweise von Hand aus dem Teich und gab sie in Regentonnen und andere Behältnisse, während mein Mann schon begann, in den seichteren Teilen den Schmutz in Karetten zu schaufeln. Obwohl wir bis in die Nacht hinein arbeiteten, wurden wir nicht fertig, und da wir zu der Zeit noch keine Sauerstoffkugeln hatten, blieb uns nichts weiter übrig als etwas Wasser einzulassen und die grösseren Fische wieder einzusetzen. Am nächsten Morgen ging mein Mann als erster wieder zum Teich, rief mich aber sehr schnell zu sich. Max hatte sich im Schlick verheddert. Ich holte ihn sofort heraus und liess ihn in eine Tonne im Schatten gleiten. Immer wieder gab ich ihm mit dem Schlauch frisches Wasser, damit er ja genügend Sauerstoff hätte. Im Laufe des nächsten Nachmittags war der Teich soweit sauber, dass wir das Wasser wieder einlassen und alle Fische in den Teich zurückgeben konnten. Max blieb nun die meiste Zeit in der Nähe des Ufers, und ich beobachtete ihn immer wieder. Zuerst sah alles gut aus, doch nach drei Tagen starb er uns weg. Er hatte wohl doch zu viel Sand und Schlick in die Kiemen bekommen. 

Wir reinigten den Teich noch ein weiteres Mal auf dieselbe Weise, dann hatten wir von dieser Arbeit und den damit für die Fische verbundenen Risiken genug. Wir kauften grosse Tonnen und ein Sauerstoffgerät; einen Teil der Fische gaben wir in eine Zoohandlung, andere platzierten wir sonstwo und einen Teil gaben wir in die Tonnen. Dann sanierten wir den ganzen Teich mit einem Fachmann zusammen und installierten einen Teichfilter.
Inzwischen hatten wir Schleien und zwei Störe eingesetzt, ausserdem Nasen und Gründlinge, die mithelfen sollten. Den Teichboden sauber zu halten. Aber bald kam mein Mann auf die Idee, Koi einzusetzen. Die Fische merkten schnell, dass sie von mir gefüttert wurden, und wenn ich an den Teich kam, schwammen die meisten Fische auf mich zu, selbst die sonst eher scheuen Schleien. Die Koi waren bald so zahm, dass ich sie mit der Hand füttern und einige von ihnen auch streicheln konnte. Fremden gegenüber benahmen sie sich unterschiedlich; bei den einen kamen sie angeschwommen, bei anderen nützte selbst Futter nichts, um sie anzulocken. Kam ein neuer Koi dazu, legten wir ihn jeweils für einige Zeit in seiner mit Wasser gefüllten Spezialtüte in den Teich, damit er sich an die veränderte Wassertemperatur gewöhnen konnte. Die anderen Koi merkten es jedes Mal, wenn sich ein neuer Fisch zu ihnen gesellen wollte. Oft warteten sie schon darauf, bis wir die Plastiktüte öffneten und gaben ihm das Geleit in den tieferen Teil des Teichs.
Wenn ich in den Teich stieg um die Seerosen zu pflegen, schwammen sie oft neugierig in meiner Nähe herum.

Wir hatten öfter einmal einen Überbestand an Goldfischen und brachten jeweils einen Teil in eine Zoohandlung. Normalerweise holten wir sie mit einem Kescher aus dem Wasser, und mit ein wenig Geduld funktionierte das ganz gut. Aber nachdem wir die Ko eingesetzt hatten, begannen die Goldfische, den Kescher zu meiden. Vorerst sahen wir allerdings keinen Zusammenhang. Weil unsere normale Methode nicht mehr funktionierte, kauften wir ein ziemlich grosses Fischernetz. Ich befestigte Blei daran, und wir versenkten es unterhalb des Futterplatzes. Ab diesem Moment mieden sämtliche Fische den Futterplatz. Auch nach Tagen, als das Netz sich komplett gesenkt hatte und in den Steinen und dem Schlick am Boden nicht mehr sichtbar war, liess sich kein Fisch in den Bereich oberhalb des Netzes anlocken. Wir resignierten und entfernten das Netz aus dem Teich.
Einige Tage später kam mein Bruder zu Besuch. Wir hatten inzwischen eine Angelrute gekauft und er hatte sich anerboten, die Goldfische mit der Rute aus dem Wasser zu holen. Um die Fische nach Möglichkeit zu schonen, entfernten wir den Widerhaken und benutzten Brot als Köder, was für unsere Goldfische üblicherweise ein Leckerbissen war. Was nun passierte, hätten selbst mein Mann und ich niemals erwartet. Die Goldfische liessen sich zwar anlocken, aber die Koi umschwärmten die Goldfische in einer Weise, dass mein Bruder keine Möglichkeit sah, einen Goldfisch an die Angel zu bekommen. Was immer er auch versuchte, um an die Goldfische heran zu kommen, die Koi wussten es zu verhindern. Schliesslich sahen wir keine Möglichkeit mehr, Goldfische aus dem Teich zu bekommen ohne Wasser abzulassen. Und das war nun wirklich keine Alternative. Wir hatten aber mittlerweile einen für die Wasserqualität inakzeptablen Überbestand an Jungfischen, da ihnen die natürlichen Feinde fehlten. Als letzte Alternative kam ich auf die Idee, vier Egli (Flussbarsche) einzusetzen, um den Bestand an Jungfischen zu reduzieren. Das funktionierte; und der Bestand begann sich auf natürliche Weise zu regulieren.
Übrigens gehören sowohl Koi wie auch Goldfische zur Familie der Karpfen.

Als wir die Liegenschaft schliesslich zum Verkauf ausschrieben, kümmerte ich mich als etwas vom Ersten um den Verkauf der Fische. Zu meiner Beruhigung fanden wir schnell einen Käufer mit einem grossen Teich, der noch keine Fische hatte und uns alle Koi en bloc abkaufte, damit sie zusammen bleiben konnten.

Die Intelligenz und Feinfühligkeit der Fische, insbesondere von Max und den Koi, setzten mich immer wieder in Erstaunen und erfüllen mich nach wie vor mit Bewunderung.
Den grössten und nachhaltigsten Eindruck von allen Fischen machte aber zweifelsohne Max, der herrliche Spiegelkarpfen auf mich.