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Vegetarismus

Vor nunmehr über fünfundvierzig Jahren hatte ich einen Freund, der einige Zeit in Indien verbracht hatte. Als ich ihn kennenlernte, war er noch nicht lange zurück in der Schweiz. Er ass kein Fleisch und war somit der erste Vegetarier, den ich kennen lernte. Das faszinierte mich. Ich war erstaunt, dass er mich nicht zu beeinflussen versuchte und mir seelenruhig zusehen konnte, wie ich mit Genuss ein Steak verzehrte. Doch er meinte nur, wer einmal gesehen hätte, von welcher Qualität das Fleisch auf dem Markt in Indien sei, der könne gar nicht anders als darauf zu verzichten. Ausserdem hätte er eine Yogaschule besucht und da sei es nur natürlich, vegetarisch zu essen. Trotzdem, ich war fasziniert. Man konnte also ohne Fleisch auskommen! Keine Tiere töten, nur damit man zu essen hatte. Obwohl – oder vielleicht gerade weil – mein Freund mich diesbezüglich überhaupt nicht zu beeinflussen versuchte entschied ich mich, es ihm gleich zu tun. Ich kochte mit frischen Zutaten, abwechslungsreich und mit viel Liebe – und wurde bereits nach kurzer Zeit krank. Ich hatte während der ganzen Kindheit und Jugend nie die beste Gesundheit gehabt und, wohl oder übel, ich musste den Arzt aufsuchen. Er untersuchte mich und wollte wissen, ob ich in letzter Zeit etwas verändert hätte. Es war schnell klar. Das einzige, was ich verändert hatte, war der Verzicht auf Fleisch und Fisch. Ich musste eine ziemliche Standpauke über mich ergehen lassen und dem Arzt versprechen, ab sofort wieder „normal“ zu essen. Mein erster Versuch, auf Fleisch zu verzichten, endete somit in einem ziemlichen Desaster.

Als ich etwa fünfunddreissig Jahre alt war, meine Mutter, die oft bei mir ass, unter Arthrose und Arthritis litt, mein fünfjähriger Sohn einen erheblichen „Aktivitätsüberschuss“ hatte und ich selbst unter gewissen Allergien litt, begann ich mich erneut mit dem Thema Ernährung zu befassen. Auf Fleisch zu verzichten war mir unter den gegebenen Umständen zu riskant, aber etwas musste geschehen. So kam ich auf die Schaub-Kost. Ich hatte geglaubt, gesund und vernünftig zu kochen, musste mich aber eines Besseren belehren lassen und die Ernährung noch einmal rigoros umstellen. Das Fleisch kaufte ich nun direkt beim Bio-Bauern, die Pommes frites machte ich aus frischen Kartoffeln und selbst die Rinder- und Hühnerbrühe stellte ich selber her. Ausserdem hatte ich einen eigenen Gemüse- und Kräutergarten. Morgens wurde recht üppig gegessen, mittags wenig und abends spartanisch, alles nach genau vorgegebenen Richtlinien. Trotzdem war das Essen recht abwechslungsreich und sehr, sehr gut. Der Erfolg blieb ebenfalls nicht aus, insgesamt verbesserte sich die Gesundheit von uns allen.

Als ich mich nach Jahren wieder mehr meiner spirituellen Seite widmete, wurde auch die leidige Sache mit dem Tiere töten und Fleisch essen wieder aktuell. Ich kam nun immer öfter auch mit Vegetariern in Berührung - in gewissen Kreisen war es mittlerweile fast Mode geworden, Vegetarier oder gar Veganer zu sein - und immer öfter hatte ich beim Verzehr von Fleisch ein schlechtes Gewissen. Ich redete mit meinem Mann und er war bereit, den Versuch der Ernährungsumstellung mit mir zu wagen. Was soll ich sagen, ich erlitt noch zweimal Schiffbruch. Was immer ich auch versuchte mit Alternativen zu Fleisch, tierischem Eiweiss in Form von Eiern, Käse, Milch und Joghurt sowie mit Nahrungsergänzungsmitteln; mein Körper machte einfach nicht mit. Dazu kommt, dass ich Milch und konventionell hergestellten Käse schlecht vertrage. Ganz offensichtlich reagiert nicht jeder menschliche Organismus auf alle Nahrungsmittel gleich. Wie sonst käme es, dass manche Menschen auf Laktose oder auf Gluten allergisch reagieren, wogegen andere damit überhaupt kein Problem haben?

Mittlerweile hatten wir nicht nur einen grossen Gemüse- und Obstgarten, sondern auch diverse Tiere. Meine Liebe galt aber nicht nur den Tieren, auch die Pflanzen behandelte ich mit derselben Liebe und Sorgfalt und die Beziehung zu den Pflanzen wurde intensiver. Bald kommunizierten die ersten Pflanzen mit mir.

Hin und wieder wurde und werde ich von befreundeten Vegetariern konsterniert gefragt: „Dass du immer noch Fleisch isst – ausgerechnet du?“ oder „was, du isst noch Fleisch?“ All das regte einen starken Denkprozess bei mir an. Nun wollte ich mehr wissen. Ich drehte den Spiess um und fragte meine nicht fleischessenden Freunde, weshalb sie denn Vegetarier seien. Und staunte nicht schlecht als ich feststellte, dass längst nicht immer die Tierliebe den Ausschlag gab, sondern die Gesundheit. Öfter einmal hörte ich die Aussage: Ich hatte dieses oder jenes Leiden und habe deshalb aufgehört, Fleisch zu essen. Manchmal war es auch schlicht von Kindheit an ein Widerwille gegenüber Fleisch. Auch stellte ich fest, dass manche Vegetarier ganz gerne einmal Fisch essen. Aber hallo, Kategorien von Lebewesen - das Leben eines Fisches weniger wert als das Leben eines Schweinchens? Gerade zu Fischen habe nun aber ich eine ganz besondere Beziehung – weshalb und wie es dazu kam erkläre ich in einer separaten Rubrik mit dem Titel „Max, der Karpfen“. Auch Lederbekleidung habe ich erstaunlicherweise schon bei Vegetariern gesehen. Müsste man als Vegetarier nicht konsequenterweise auf alle Produkte toter Tiere verzichten? Das scheint mir gar nicht so einfach zu sein. Und wenn man die Gedanken weiter spinnt und es tatsächlich ausschliesslich um das Wohl der Tiere geht, müsste man dann nicht gesamthaft noch viel mehr darauf achten, was man isst bzw. allgemein konsumiert? Sämtliche Milchprodukte müssten konsequent von Tieren aus artgerechter Haltung, also kontrollierter Bio- und Freilandhaltung sein.
Die Vorstellung, dass mein Käse von einer Kuh stammt, die das Gras einer überdüngten Wiese fressen muss oder im Stall angebunden ist und jedes Mal, wenn sie zum Koten ansetzt, einen Stromschlag von einem elektrischen Kuhtrainer erhält, dass ihr die Hörner weggebrannt, sie mit Wachstumshormonen und Antibiotika traktiert wird und ihr schon am ersten Tag seines Lebens ihr Kälbchen weggenommen wird, ist nun wiederum für mich der blanke Horror.

Auch fällt mir in den Gesprächen mit Vegetariern und Veganern oft eine gewisse Intoleranz auf, teilweise spüre ich da fast einen religiösen Touch heraus, so nach dem Motto: „ein spiritueller Mensch isst doch kein Fleisch“. In einem Buch habe ich gelesen, dass kein Mensch, der Fleisch von toten Tieren esse, echte spirituelle Fortschritte machen könne und es schon gar nie zur Meisterschaft bringen werde. Pauschale Verurteilung! Und noch etwas ist mir aufgefallen: wenn ich Gäste einlade, wir sind nur zu viert und meine Gäste Vegetarier, dann koche ich selbstverständlich fleischlos. Wenn ich mehrere Gäste habe und darunter sind Veganer oder Vegetarier, dann koche ich für sie ebenso selbstverständlich ein passendes separates Gericht. Aber ich habe noch nie erlebt, dass ein Veganer oder Vegetarier für mich Fleisch kocht, wenn ich bei ihm eingeladen bin…..

Ich begann also, das Ganze von allen möglichen Seiten durchzudenken.

Ich habe mir eine Welt von Vegetariern vorgestellt, wenn kein Mensch mehr Fleisch essen würde. Es gäbe noch einige wenige Nutztiere: ein paar Kühe, Schafe und vielleicht Ziegen um Milch zu liefern, einige Hühner als Eierlieferanten. Bei einer Welt von Veganern nicht einmal das. Wollte man diese Spezies am Leben erhalten, müsste man sie alle frei laufen und verwildern lassen. Es gäbe keine Bauern mehr, die mit ihren Tieren das Weideland pflegen, insbesondere auch in den Bergen. Aber ganz bestimmt gäbe es auf den Strassen massenhaft ehemalige Nutztiere, etwa so wie die wilden Hunde und Katzen in einigen Ländern. Die Kühe würden vielleicht gemütlich auf den Strassen herumliegen wie in Indien (ich höre schon das Hupkonzert der gestressten Autofahrer) oder auf verwilderten Wiesen weiden. Vielleicht käme unsere Gesellschaft als Abhilfe auf die Idee, all die Tiere oder die Mehrzahl von ihnen zu kastrieren. Was das wohl für eine Lebensqualität ist für ein Tier, wenn es weder dem Trieb, sich zu vermehren nachkommen noch den Mutterinstinkt ausleben darf? Eventuell würden auch die Wiesen umgenutzt und zu Ackerland gemacht, weil der Bedarf an Gemüse und Getreide sich erhöhen würde.

Durch die Kommunikation der Pflanzen weiss ich inzwischen auch, dass Pflanzen wunderbare Lebewesen mit einem hohen Bewusstsein sind, dass auch sie Gefühle haben und leiden können. Demnach, wenn wirklich aus Liebe zu den anderen Lebewesen und nicht nur aus gesundheitlichen Gründen konsequent kein anderes Lebewesen für uns als Nahrungsquelle dienen soll, was können wir dann überhaupt noch essen? Ich kam auf Früchte, Beeren und Nüsse. Mehr fällt mir beim besten Willen nicht ein. Nicht einmal Getreide wäre noch möglich, denn auch da wird die ganze Pflanze zerstört.
Wäre Lichtnahrung die Lösung? Ich esse wenig, seit einigen Jahren üblicherweise zweimal am Tag, das erste Mal am späten Vormittag und das zweite Mal abends. Aber wenn ich ganz auf essen verzichten wollte - mein Körper würde erst Purzelbäume schlagen und dann leblos liegen bleiben. Und den meisten von Ihnen würde es vermutlich ebenso ergehen.
Ausserdem esse ich gerne. Das Abendessen mit einem guten Schluck Wein hat für mich etwas Rituelles an sich; es ist sozusagen der Abschluss des Tages und das „Runterfahren“. Deswegen wird bei uns auch relativ spät am Abend gegessen. Vielleicht ist das allerdings auch ein Erbe des italienischen Teils meiner Vorfahren.

Wie dem auch sei - nach all diesen Beobachtungen und Überlegungen bin ich für mich persönlich zu folgendem Schluss gekommen: Essen muss sein, jedenfalls bei mir.
Das Sterben des physischen Körpers gehört zum Leben, es ist ein Teil davon. Keiner kann das umgehen, weder Mensch noch Tier noch Pflanze. Wie mancher schwerkranke, schmerzgeplagte Mensch wäre froh, er dürfte schnell und auf humane Weise sterben und müsste nicht warten bis er nicht mehr selbständig gehen, sprechen, essen und atmen kann.
Ich kann mir sogar vorstellen, dass einige Lebewesen es sich zur Aufgabe gemacht haben, anderen als Nahrungsquelle zu dienen.
Wie dem auch sei, alle Lebewesen – Menschen, Tiere, Pflanzen, aber auch Mineralien und Gewässer verdienen Liebe, Achtung und Respekt. Also ist es eine Frage des Umgangs – und der Dankbarkeit. Mittlerweile achte ich wirklich konsequent darauf, nur Produkte von Tieren zu essen, die während ihres Lebens mit Liebe und Respekt behandelt und schliesslich schnell und auf humane Weise getötet werden. Anstatt den Fleisch- und Fischkonsum einfach zu verweigern helfe ich mit dafür zu sorgen, dass Tiere und Pflanzen ein gutes, würdevolles Leben haben.

Ich geniesse mein Essen, bin dankbar für alles, was Mutter Natur zur Verfügung stellt und tue mein Möglichstes, dieser Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen. Und so bin ich in Einklang mit mir und den Bedürfnissen meines Körpers.