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Ich gehöre zu den Menschen, die zwar keine grossartige Ausbildung genossen, aber alles Mögliche getan haben bzw. immer noch tun und somit trotz - oder vielleicht gerade wegen - der fehlenden Ausbildung recht viel gelernt haben.

Wie das kam? Ganz einfach. Eines Tages mussten wir in der Schule einen Aufsatz über unser Berufsziel schreiben. Ich hatte mir dazu nie etwas überlegt. Für mich war es selbstverständlich, dass ich studieren würde. Jura sollte es sein, damit ich mich später mit diesem Wissen für schwer erziehbare Kinder würde einsetzen können. Diese Details behielt ich allerdings für mich. Jedenfalls war alles ganz klar – zumindest für mich. Die Lehrer befürworteten meinen Wunsch zu studieren, ich würde nur noch Latein nachholen müssen, da dies für die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium unerlässlich war, aber darin sah mein Hauptlehrer kein Problem. Und so kam ich eines Tages freudestrahlend nach Hause, erzählte meinem Vater von meinem Wunsch zu studieren, dass meine Lehrer diesen Wunsch unterstützen würden und ich sofort mit dem Lateinunterricht beginnen könnte. Die Ernüchterung kam postwendend: „Wie bitte, du studieren – ein Mädchen? So wie du aussiehst bist du spätestens mit zwanzig verheiratet.“ Und damit war das Thema studieren vom Tisch.
Bald kam das Thema Ausbildung wieder zur Sprache, und inzwischen hatte ich mir einige Gedanken gemacht. Wenn ein Studium zu lange dauerte, würde ich halt die Kunstgewerbeschule besuchen. Ich liebe alles was mit Kreativität zu tun hat und nach dieser Schule hätte ich eine Menge Möglichkeiten, mich diesbezüglich zu entfalten. Aber nun hatte ich sogar meine Mutter gegen mich. Brotlos sei das – was ich nur für Ideen hätte. Na gut, dann eben die Schauspielschule. Nun hielten mich die Eltern vollends für verrückt. Etwas Bodenständiges sollte es sein, eine kurze Lehre die ausserdem gut bezahlt sein sollte, schliesslich war ich ein Mädchen.
Nun stellte ich mich quer und entschied kategorisch: wenn alles was ich gerne lernen wollte falsch war, dann würde ich halt auf jegliche Ausbildung verzichten. Ich würde meinen Weg auch ohne die Unterstützung meiner Eltern machen, da war ich mir sicher und das warf ich ihnen auch an den Kopf. Natürlich versuchten Sie weiterhin, mich zu einer aus ihrer Sicht vernünftigen Ausbildung zu überreden, aber ich blieb bockig. Da wir am Ende der acht obligatorischen Schuljahre sowieso in ein anderes Dorf umzogen, beendete ich meine Schulzeit und verbrachte das nächste halbe Jahr als Au-pair-Mädchen in der französischen Schweiz. Nach meiner Rückkehr einigte ich mich mit meinen Eltern darauf, für ein halbes Jahr eine private Handelsschule zu besuchen.
Zu diesem Zeitpunkt hatten meine Eltern ihren Wunsch, dass ich etwas „Anständiges“ lernen sollte, noch nicht aufgegeben. Ich hatte in dem Dorf, in dem wir vorher gewohnt hatten, eine Schnupperlehre bei einer Poststelle gemacht und meine Eltern hatten mit dem Posthalter vereinbart, dass ich bei ihm die Ausbildung machen könnte. Ich musste also die Aufnahmeprüfung machen und, sehr zu meinem Leidwesen, bestand ich sie. Hilfe bekam ich dann von völlig unerwarteter Seite. Als nächstes war der obligatorische Untersuch beim Vertrauensarzt angesagt, und dieser diagnostizierte bei mir eine Krankheit, die mir den Antritt der Lehrstelle verunmöglichte. Meine Eltern waren geschockt, und ich jubelte innerlich. Danach gaben meine Eltern zwar ihre Pläne auf, trotzdem erfüllten sie mir keinen meiner Ausbildungswünsche.

Ich war gerade mal sechzehneinhalb Jahre alt, als ich mich definitiv ins Berufsleben stürzte. Während der nächsten elf Jahre nahm ich alle möglichen Jobs an allen möglichen Orten an. Ich arbeitete als Empfangsdame, Büroangestellte, Kellnerin, Bardame, Verkäuferin, Sekretärin, Chefsekretärin, was auch immer sich gerade ergab und mir einigermassen Spass machte.
Als ich dann endlich entschied, meine berufliche Laufbahn in etwas geordnetere Bahnen zu bringen und demnächst die Wirteschule zu besuchen, um danach ein Restaurant oder einen Gasthof zu übernehmen, musste ich mich einer Knieoperation unterziehen. Damit war auch dieser Berufswunsch gestorben, denn längeres Stehen oder Gehen war mit dem operierten Knie nicht mehr möglich.

Zu dieser Zeit arbeitete ich in einem KMU-Betrieb in der Buchhaltungsabteilung und entschloss mich, bis auf weiteres zu bleiben.
Anfang der achtziger Jahre entschied die Geschäftsleitung, die Administration auf Computer umzustellen. Wie damals in vielen Betrieben üblich, wurde dieser neue Bereich in die Buchhaltung eingegliedert; als erstes sollte die Fakturierung umgestellt werden. Es gab noch keine PC-Netzwerke; man arbeitete mit zentralen Systemen, an welche die gesamten Bildschirme und Drucker für die Endbenutzer angeschlossen wurden. Niemand von den Mitarbeitern der Firma war auf diese Umstellung vorbereitet worden, und das Ganze war für uns alle ein Buch mit sieben Siegeln. Allerdings eines, das sehr schnell mein Interesse weckte. Da war es mir gerade recht, dass die Fakturierung meiner Abteilung zugeordnet war. Ich schnappte mir die Handbücher; studierte sie auf der Fahrt nach Hause und abends, wenn der Kleine schlief (inzwischen war ich stolze Mami eines Sohnes, aber entgegen der Prophezeiung meines Vaters immer noch nicht verheiratet). Am nächsten Tag versuchte ich dann jeweils, das Gelernte in der Firma praktisch umzusetzen. Was soll ich sagen: nach kurzer Zeit wurde mir das gesamte Operating in diesem Bereich übertragen und schliesslich wurde ich zur EDV-Leiterin befördert, ausserdem betreute ich den organisatorischen Teil der Bereiche Debitoren, Kreditoren und Fakturierung. Insgesamt blieb ich achtzehn Jahre lang in dieser Firma.

Danach machte ich mich selbständig und fiel zurück in mein „altes Fahrwasser“ – ich machte wieder alles Mögliche, diesmal allerdings auf anderen Gebieten. Inzwischen war ich nun doch verheiratet, zu diesem Zeitpunkt bereits zum zweiten Mal. Ich war also nicht mehr auf einen vollen Verdienst angewiesen und hatte nun Zeit, mich auch wieder intensiver mit meiner spirituellen Seite zu befassen.

Im Jahr 2000 kauften mein Mann und ich eine Liegenschaft mit dreitausend m2 Land am Bodensee. Bald gab ich meine Berufstätigkeit ganz auf und kümmerte mich um die Liegenschaft mit den verschieden Tieren und dem grossen Garten. Eine Zeitlang hielten wir Schafe, Ziegen, Hühner, Enten, Gänse, und natürlich fehlten auch Hunde und Katzen nicht. Leider musste ich dieses wunderbare Hobby nach einigen Jahren aus gesundheitlichen Gründen aufgeben.

Wie ich schliesslich dazu kam, Bücher für unsere Mitbewohner aus dem Pflanzen- und Wasserreich zu schreiben, ist in der Einleitung des Buches „Von der Weisheit der Bäume“ zu lesen.

Nachdem ich meinen Werdegang nun einigermassen beschrieben habe, stelle ich eines mit unerschütterlicher Gewissheit fest: Langweilig war mir nie, und ich werde mich wohl auch in Zukunft nie langweilen.  

Obigen Text habe ich 2013 geschrieben. Kurz darauf entschieden mein Mann und ich uns, auszuwandern. Nach einigem Hin und Her und nachdem Neptun mir empfohlen hatte, über den Äquator zu gehen, entschieden wir uns für Ecuador in Südamerika. Seit Juli 2014 leben wir nun in der Küstenstadt Manta.